Ängscht vor der Leit

Nachdem sich die Mundart-Schaffenden aus dem nordbadischen Raum bei ersten Symposien formieren, um besser nach außen vertreten zu sein, besuchten mehrere Teilnehmer auch die Tagung „Daheim schwätze die Leit, Zukunft der Dialekte in Baden-Württemberg“ in Stuttgart.

Dort gab es zum Abschluss eine Podiumsdiskussion.

Diese hat Thomas Heitlinger zum Verfassen eines Essays veranlasst, welches ich hier gerne veröffentliche:

 

„Angscht vor der Leit“, oder das gespaltene Verhältnis vom SWR zu den Dialektsprechern in
Baden-Württemberg.

Ein Essay im November 2019

Anlässlich der Tagung „Daheim schwätze die Leut, Zukunft der Dialekte in Baden-Württemberg“ im
Dezember 2019 in Stuttgart gab es zum Abschluss eine Podiumsdiskussion, an der auch eine
Vertreterin des SWR’s teilgenommen hatte.

Unabhängig der Diskussion haben sich im Nachgang viele der Anwesenden Autoren verwundert
die Augen gerieben, warum ausgerechnet diese Organisation auf dem Podium vertreten war, die
ab 2015 im wesentlichen zu einer Situation beigetragen hat, die im weiteren in 2019 in weiten
Teilen von Baden als prekär bezeichnet wurde.

Doch zurück zur Tagung. Gegenüber der Vertreterin des SWR wurde u.a. reklamiert, dass die
Dialektsprecher aus Schwaben in den Sendungen des SWR oft als zurückgeblieben oder als
Menschen mit schlechten Charaktereigenschaften dargestellt werden. Nun darf man sagen, dass
die Vertreter aus Baden solche Sorgen nicht haben, da diese i.d.R. in den Programmen gar nicht
mehr erwähnt werden und mithin nichtig sind. Selbst Sendungen mit eindeutigem Bezug zur
Region, wie z.B. „Big Manni“ zum Flowtex-Skandal müssen mit Schauspielern aus Schwaben
besetzt werden, weil es vermutlich im Denken der Verantwortlichen im SWR die (nord-)badische
Seite mit ihrem spezifischen Idiom, die immerhin 30% der Hörer in Baden-Württemberg
ausmachen, gar nicht gibt.

Welche tiefgreifenden Überlegungen dabei die Strategen des SWR’s damit verfolgen, bleibt
weitgehend unklar. Offenbar sieht man die Dialektsprecher in einer im übrigen diskriminierenden
und abwertenden Art als nicht gleichwertig zu den Hochdeutsch-Sprechern an, und möchte diese
auch in dieser Form nicht mehr in den Programmen etablieren. Oder folgt damit einem eigenen
Programmauftrag, die Menschen zu einer anderen Sprache zu erziehen?
Überhaupt hat der gelebte Ansatz im SWR Züge des pathologischen. Das Ignorieren einer großen
identitätsstiftenden Eigenschaft von großen Teilen der Bevölkerung erinnert in diesem
Zusammenhang eher an ein Verhalten, das im klinischen Bereich als Borderline beschrieben wird
und in einer modernen Medienland nichts verloren hat.

Versucht man, mit dem SWR in einen Dialog zu kommen, merkt man sehr schnell, dass dieser nicht
gewünscht wird. Auch eine Anfrage beim Rundfunkrat, auf Basis von öffentlichen Verlautbarungen
des SWR’s nach 2015 und einem damals angekündigten Konzept bleibt ohne Ergebnis. Man lobt
sich im Gegenteil wenn gleich die heutigen Aktivitäten, die bezogen auf die Historie und auch im
Vergleich zu anderen Rundfunkanstalten wie z.B. dem BR allenfalls ein Bruchteil des Erforderlichen
darstellen.

Dies führt seit 2015 dazu, dass die etablierten Formate wie das Mundarthörspiel, Kurztexte oder
Vorort-Veranstaltungen nicht mehr, oder nur noch in homöopathischer Weise im Programm
vertreten sind. Konsequent wäre des in diesem Zusammenhang, in Baden-Württemberg einen
sogenannten „Hochdeitschtag“ ab 2020 einzuführen, damit man sich der Absurdität dieses
Ansatzes bewusst wird.

Gleichwohl hat der SWR auf Basis der Programmstatuten der ARD einen Auftrag zu erfüllen.
Hier im Klartext:
Die Gesamtheit der vielfältigen, regional und national ausgerichteten Programman-gebote der
ARD steht für alle Bevölkerungs- und Altersgruppen bereit. Die ARD strebt an, die Vielfalt
gesellschaftlichen Lebens widerzuspiegeln und den Zusammenhalt des Gemeinwesens wie auch die
Integration in Deutschland und Europa zu fördern.
Quelle: https://daserste.ndr.de/ard_check/fragen/Aufgabe-und-Funktion-des-oeffentlichrechtlichen-
Rundfunks-der-ARD,antworten104.html

Dies führt jedoch zur Fragestellung, ob man dort heute überhaupt noch in der Lage wäre, dem
Auftrag einer Repräsentanz der Idiome speziell in Süddeutschland qualifiziert nachzukommen.
Redakteure mit einem dafür notwendigen Erfahrungsspektrum sind längst im verdienten
Ruhestand und Mundartautoren und qualifizierte Sprecher haben sich in in den letzten 4 Jahren in
alle Winde verteilt. Neben dem Kompetenzverlust beim SWR ist jedoch auch die Unlust vieler der
verbliebenen Akteure im Markt zur Kenntnis zu nehmen, die mit einer derart agierenden
öffentlich-rechtlichen Organisation gar nicht mehr zusammenarbeiten möchten.

Eine Lösung wäre für die Verantwortlichen In Medien und Politik, die Situation allgemeingültig
festzustellen um in Erfüllung des Auftrags danach die Verteilung von Mitteln neu zu gestalten. Eine
Möglichkeit wäre es dabei, bis zur Feststellung der Erfüllung des Auftrags die dafür notwendigen
Mittel aus dem SWR-Haushalt zu entnehmen, und auf die privaten Mundartorganisationen und
-Vereine in Baden-Württemberg zu verteilen.
Ein solcher Vorschlag würde garantiert in der Diskussion sehr schnell zu anderen Ergebnissen
führen.
(Nov. 2019).

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