Portrait

Hockenheimer Zeitung vom 18.12.2003

„Tief aus dem Innern einer unverfälschten Seele“

Eigentlich heißt er Karl Weibel, ist verheiratet, hat zwei schon fast erwachsene Töchter, verdient seinen Lebensunterhalt als Polizist und lebt in seiner Heimatgemeinde Reilingen, dem, wie er sich immer auszudrücken pflegt, „Herzen der Kurpfalz“. Und dort in der Spargelgemeinde, wo ihn fast alle nur „Charly“ nennen, sitzt der 46-jährige, scheinbar noch so nebenbei, für die SPD im Gemeinderat. In der Zeit, die dann noch übrig bleibt, spielt er vor allem Fußball oder Badminton, sitzt am PC und „bastelt“ Homepages.All das wäre noch kein Grund, „den Charly“ einen Künstler zu nennen und an dieser Stelle über ihn zu schreiben – wenn da nicht eine Gitarre wäre, eine unverwechselbar wechselbare Stimme und vor allem die Fähigkeit, als scharfer Beobachter Erlebnisse und Erkenntnisse des Alltags in frech-lustige oder hintergründig-gefühlvolle Texte zu fassen und entsprechend zu vertonen.Ehe es aber soweit war, dass Charly Weibel seine Liebe zur Mundart, zum Dialektlied fand, prägte er über Jahre hinweg als Frontsänger die inzwischen aufgelöste Rockformation „Jezebel’s Tower“. Mit ihr stürmte er die Charts in Japan und Rumänien, brachte es dort, aber auch in der heimischen Kurpfalz zu einer gewissen Bekanntheit.

„Einmal etwas mit Dialekt machen, hatte ich eigentlich schon länger im Hinterkopf.“ Und als Charly Weibel 1999 in der Schwetzinger Zeitung über den Mundart-Wettbewerb des Arbeitskreises Heimatpflege im Regierungsbezirk Karlsruhe las, war es für ihn klar: „Diese Chance wird genutzt.“ Statt englischer Texte und Hardrock, wie man es ansonsten vom ihm gewohnt war, nahm er zwei Balladen im heimischen Dialekt auf. Zu seiner Überraschung machte „En Freund fass Lehwe“ das Rennen und gehörte zu den prämierten Arbeiten beim landesweit angesehenen Mundartwettbewerb. Das gewonnenen Preisgeld investierte er in eine CD. Dabei entstand ein Werk in den zwei Weltsprachen, die der Sänger beherrscht: auf Reilingerisch und Englisch wurden die ersten beiden Lieder eingespielt.

Der Erfolg machte ihm Mut. Nachdem er 2001 mit „Uffem Friedhouf“ beim Mundart-Wettbewerb den zweiten Platz belegt hatte, wurde eine CD mit elf Liedern produziert.Man muss sich die Stücke einfach anhören, um von der faszinierenden Einheit von Text und Musik einen Eindruck zu bekommen. Die Lieder reflektieren dabei das Innere der Seele von Charly Weibel. Wie in den Bildern einer Ausstellung werden in den Liedern Eindrücke und Erlebnisse wiedergegeben, die der Mensch Karl Weibel in sich trägt. Als Kind und Jugendlicher, als Polizist und Gemeinderat, als Reilinger und Weltbürger.

Als Zuhörer spürt man sofort, dass es sich um echte Gefühle handelt. Lieder über seine Frau, einen verstorbenen Kollegen oder, erst jüngst veröffentlicht, auch über seine Oma sind auf ihre Art Liebeserklärungen, wie sie liebevoller nicht sein könnten.Obwohl Charly Weibel inzwischen alle seine Liedern in breitesten Reilinger Dialekt singt, sind sie nicht einfach nur ein „Tralala“. Sie überzeugen vielmehr durch ihre stets anspruchsvollen, hintersinnigen Texte über kleine und größere Begebenheiten aus dem „richtigen Leben“. Und mit einem Augenzwinkern und seinem noch immer jugendlich und lausbubenhaft wirkenden Wesen sorgt Charly stets an den richtigen Stellen immer für ein Schmunzeln, einen Lacher. Aber nicht selten lösen sich diese plötzlich in einem nachdenklichen Schweigen der Zuhörer auf. Man muss die Stücke einfach anhören und auf sich wirken lassen, um sich und seine Umwelt darin wie in einem Spiegel wiederzufinden. Dabei gelingt dem sympathischen Liedermacher eine Gratwanderung zwischen herzerfrischender Komik und gefühlvoller Tragödie. Für Charly Weibel irgendwie auch ein Motto für sein Wirken in Familie, Beruf und Gesellschaft: „Das Leben ist zu ernst, um es ernst nehmen zu müssen“.

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